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Tod und Täuschung
von Astrid Plötner

 

 

 

 

 

 

 

Roman, 279 Seiten (Standardformat) /

455 Seiten (Sonderformate)
ISBN Taschenbuch Standard-Format: 978-3-8459-0096-4
ISBN Taschenbuch Sonderformat Großschrift: 978-3-8459-0097-1

 
 

 Klappentext:
Mit der 17jährigen Sarah Simon verschwindet bereits das zweite Mädchen am Gardasee. Sie war gegen den Willen ihrer Eltern mit ihrer neuen Liebe – dem Italiener Luca Ferro – durchgebrannt. Doch bereits in ihrer ersten gemeinsamen Nacht wird Luca ermordet. Bevor Sarah in die Fänge skrupelloser Entführer fällt, kann sie per Handy noch ihren Vater um Hilfe rufen.
Hannes Simon macht sich sofort auf den Weg zum Gardasee. Seine Recherchen bringen Hass, Intrigen und ein längst verjährtes Verbrechen ans Licht. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

LESEPROBE:

Kapitel 1

Der rote BMW raste mit überhöhter Geschwindigkeit über die wenig befahrene Serpentinenstraße, die von Pieve de Manerba in die Wälder führte. Sie hatten das Dorf mit seinen kleinen Bars, Restaurants und Hotels bereits weit hinter sich gelassen. Durch die geöffneten Fenster strömte milder Fahrtwind, gemischt mit dem süßlichen Duft der Agaven ins Wageninnere. Doch so richtig konnte Leandra die Fahrt nicht genießen. Je weiter sie sich von Manerba entfernten, umso unruhiger wurde sie. Wieder legte der BMW sich mit quietschenden Reifen in die Kurve. Leandra krampfte ihre Hände in den Beifahrersitz. Ihr Herz pochte wild. Sie warf einen Blick auf ihren Begleiter, der mit starrem Blick auf die Straße starrte. Ein flaues Gefühl beschlich das junge Mädchen. Sie hätte nicht zu ihm in den Wagen steigen sollen, schließlich kannte sie ihn kaum. Wie oft hatten ihre Eltern sie gewarnt?

Trauerzypressen, Oleander, Zedern und Olivenbäume, aber auch Palmen rauschten an ihr vorbei. An einer Seite die Steilhänge der bewaldeten Berge, an der anderen nur eine kleine Leitplanke, die die Straße von einem atemberaubenden Abgrund trennte. Und immer wieder sah Leandra in der Ferne, zwischen den Baumspitzen den Gardasee in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne glitzern.
„Wohin fahren wir?“
Timo antwortete, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Lass dich überraschen, Lea.“
Wo war seine einfühlsame Ausstrahlung geblieben, mit der er ihr den Nachmittag über am kiessteinigen Strand von Manerba geschmeichelt hatte? Er sah stur auf die Straße, die Stirn angestrengt in Falten gelegt. Sonst drückte sein Gesicht keine Regung aus. Der BMW legte sich erneut mit quietschenden Reifen in die Kurve. Leandra wurde in den Sicherheitsgurt gedrückt, hielt sich panisch am Griff der Beifahrertür fest und blickte dann stumm auf ihren Begleiter.
Warum lächelt er nicht einmal zu mir herüber?
Wie hatte sie sich nur auf diese Spritztour einlassen können? Leandra kannte die Antwort: Ihre wilde Abenteuerlust hatte sie getrieben. Sie wollte endlich etwas erleben in diesem Urlaub, den sie allein mit ihrem Vater am Gardasee verbringen musste. Als Dank dafür, dass sie den elften Jahrgang am Gymnasium als Beste absolviert hatte. Dabei wäre ihr eine Poolparty unter Freunden im Garten der heimischen Villa viel lieber gewesen.
Die Gegend wurde immer einsamer. Kaum ein Auto kam ihnen noch entgegen. Leandras Unwohlsein wuchs. Sie hätte nicht in seinen Wagen steigen sollen. Sie saß neben einem ihr völlig fremden Mann. Nicht einmal seinen Nachnahmen kannte sie. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Nur noch Reste des Tageslichts kämpften sich durch das Blattwerk des Waldes. Die Scheinwerfer des BMW tanzten über die Straße, die sich wie eine Schlange in den immer dichter werdenden Wald wandte. Nach einer ganzen Weile verlangsamte Timo die Fahrt und bog in einen kaum sichtbaren Waldweg ein.
„Dreh sofort um! Bring mich sofort zurück nach Manerba!“
Ihre Stimme klang unwirklich und schrill. Ohne die Fahrt zu verlangsamen, legte Timo seine Hand auf ihr Knie und ließ sie langsam ihren Oberschenkel hochwandern. Leandra schob seine Hand missmutig von sich.
„Du sollst anhalten! Hast du mich verstanden?“
Voller Panik wollte sie zur Handbremse greifen, doch Timo erkannte ihr Vorhaben und konnte ihre Hand abwehren. Der BMW schlingerte. Nur mit Mühe konnte er das Auto unter Kontrolle halten, machte schließlich eine Vollbremsung. Das Quietschen der Reifen schallte laut durch den Wald. Mit wutverzerrtem Gesicht starrten seine blassblauen Augen sie an, seine Hand, die immer noch ihr Gelenk umschloss, fühlte sich an wie ein Schraubstock.
„Bist du verrückt? Willst du uns beide umbringen? Du hast dich auf die Spritztour eingelassen, Leandra. Was hast du geglaubt? Dass ich dich zu einem Schloss führe? Wie ein Prinz seine Prinzessin? Ich wollte endlich allein sein mit dir. Allein! Verstehst du?“ Seine Stimme nahm einen makaberironischen Ton an. Leandra holte tief Luft.
„Du hast mir Angst gemacht, Timo.“ Ihre Stimme zitterte. Er ließ ihr Gelenk los und strich sanft mit den Fingern über ihre Wange.
„Ganz ruhig, Mädchen. Du willst es doch auch. Ich hab es am Strand in deinen Augen gesehen.“
Er ließ den Motor wieder an und fuhr langsam weiter, ohne auf ihre Reaktion zu warten. Leandras Stimmung schwankte zwischen Lust und Panik. Ja, sie fühlte sich von ihm angezogen, von seinem geheimnisvollen Wesen, dem Blick seiner blassblauen Augen, den sie nicht zu deuten wusste und von seinem umwerfenden Aussehen.
Als er sie gestern Abend vor ihrem Hotel ansprach, war sie zunächst zurückgeschreckt. Er trat hinter einer dicht gewachsenen Zypresse hervor, dunkel gekleidet mit hochgeschlossener Lederjacke und diesen schwarzen Lackschuhen, die er auch jetzt trug. Ihr erster Gedanke war wegzulaufen. Sie rempelte in aufkommender Panik einen heimkehrenden Hotelgast an und kam sich albern vor, als sie Timos cooles Grinsen sah. Etwas an ihm zog sie magisch an. So nahm sie seine Einladung zu einem Drink in der Lobby des Hotels an, lehnte aber ab, als er sie gegen Mitternacht noch zu einer Spritztour überreden wollte. Sein Augen! Sie hatte den Blick nicht abwenden können. Sie schienen bis auf ihre Seele zu starren und wieder war der Wunsch in ihr hochgekrochen wegzulaufen. Dann erhellte sich sein Gesicht und ganz unverfänglich – aber bestimmend – fragte er nach einem Wiedersehen am heutigen Nachmittag. Natürlich sagte sie zu.

Doch jetzt kroch wieder Angst in ihr hoch. Er fuhr immer tiefer in den Wald hinein. Die Straße wurde schmaler, war jetzt nicht mehr asphaltiert, sondern wich einem holperigen Feldweg. Trockene Erde wirbelte wie eine wabernde Wolke im Licht der Scheinwerfer.
„Bitte dreh um Timo! Um ein wenig Spaß zu haben, musst du doch nicht ans Ende der Welt fahren!“
Ihre Stimme klang brüchig. Was sollte sie machen? Sie nestelte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy und zog es heraus, versuchte fahrig, die Nummer ihres Vaters einzugeben. Es kam keine Verbindung zustande. Timo lächelte ihr zu. Oder war es eher ein hämisches Grinsen?
„Probleme mit dem Akku? Möglicherweise gibt es hier im tiefsten Wald kein Netz. Willst du mein Handy?“
Warum bin ich nur so panisch? Er ist doch ganz nett. Oder „weiß“ er, dass es hier nicht möglich ist zu telefonieren?
Leandras Herz pochte bis zum Hals. Ihre Kehle war wie ausgedörrt. Sie griff nach einer kleinen Wasserflasche in ihrer Tasche, öffnete den Verschluss mit zitternden Fingern und nahm mehrere kleine Schlucke.
„Willst du mein Handy?“ Er hatte es aus seiner Hosentasche gefischt und hielt es ihr hin. Leandra vernahm einen ungeduldigen Unterton in seiner Stimme.
„Nein, nein. Ist schon gut. War nicht so wichtig.“
Timo warf das Telefon achtlos aufs Armaturenbrett und hielt wieder beide Hände am Lenkrad. Je tiefer er in den Wald fuhr, umso dunkler wurde es. Endlich stoppte er den Wagen und schaltete die Scheinwerfer aus. Leandra sah nur schemenhafte Umrisse in der Dunkelheit. Der Weg schien hier zu enden. Es war also unwahrscheinlich, dass ihr im Notfall ein vorbeikommender Autofahrer zur Hilfe eilen konnte.
„Ich hatte wirklich das Gefühl, du wolltest auch allein mit mir sein. Tut mir Leid, wenn ich dir Angst gemacht habe“, murmelte Timo mit sanfter Stimme in der Dunkelheit. Dann beugte er sich langsam zu ihr herüber.
„Ich dachte wirklich, du magst mich.“ Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.
Leandra blieb stumm, war auf eine eigentümliche Art erregt und genoss den Moment. Seine Hand berührte kurz ihren Oberschenkel, schob sich dann unter ihr Top. Sie schloss die Augen und seufzte. Warum sich nicht auf ihn einlassen? Was sprach gegen einen netten Urlaubsflirt? Aber warum hier im tiefsten Wald? Und warum hörte diese verdammte Warnglocke, in ihrem Kopf nicht auf zu läuten? Vorsichtig tastete sie mit der Hand nach dem Türöffner. Sie hatte die Augen noch immer geschlossen, spürte seine Hand nun auf ihrem Schenkel. Mit der anderen schien er am Handschuhfach zu nesteln. Als Timo ihren Sitz in Liegeposition stellte, rekelte sie sich. Sie stöhnte leise, als sie seinen Körper auf ihrem spürte. Seine Hand glitt zu ihren Brüsten, schob das Top hoch und verdeckte damit ihr Gesicht. Leandras Atem ging stoßweise. Sie bekam unter dem Stoff des Tops kaum Luft. Sie spürte, wie sein Oberkörper sich beugte, wie sein Gesicht dem ihren näher kam. Langsam zog er ihr das Top vom Gesicht. Erregt blickte sie ihn an, doch es war zu dunkel, um seine Gesichtszüge erkennen zu können. Sie öffnete ihren Mund etwas, schloss die Augen wieder.
Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Seine Hand presste ihr ein feuchtes Tuch auf Mund und Nase. Ein unerträglicher Gestank raubte ihr den Atem. Ihr Verstand setzte nur schleppend ein. Er wollte sie betäuben! Sie hatte sich nicht getäuscht! Warum nur hatte sie ihre inneren Warnsignale ignoriert? Endlich erwachte ihr Überlebenswille. Sie öffnete die Beifahrertür, rammte ihm ihr Knie in seine Genitalien, sodass er sich krümmte. Mit Wucht schob sie ihn zur Seite und ließ sich selbst aus dem Wagen fallen. Sie spürte trockene Zweige unter ihren Händen, rappelte sich auf, verfluchte ihre hochhackigen Schuhe und rannte in die Dunkelheit des Waldes. Schon bald sah sie den Strahl einer Taschenlampe hinter sich tanzen.
„Bleib stehen! Du entkommst mir sowieso nicht!“
Seine Stimme war nah. Sie hörte seine Schritte dicht hinter sich. Leandra keuchte. Sie sank mit den hochhackigen Sandaletten tief in den weichen Waldboden und kam nur langsam voran. Ein festgeschnalltes Riemchen hinderte sie daran, die Schuhe von den Füßen zu schleudern und barfuß weiterzulaufen.
„Bleib stehen, Leandra!“
Sie dachte nicht daran und rannte weiter. Mit einem Satz war er bei ihr, riss sie zu Boden. Sie spürte schmerzhaft, wie trockene Äste sich in ihre Haut bohrten. Sein Körper war auf ihr. Sie stöhnte vor Schmerz, bekam kaum noch Luft. Mit letzter Kraft krallte sie ihre Fingernägel in den Oberarm des Mannes. Er schien es nicht zu spüren. Mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen beugte er sich über sie, klemmte ihren linken Arm unter sein Knie, hielt den rechten mit der Hand fest. Wieder drückte er ihr das getränkte Tuch auf den Mund. Sie riss verzweifelt die Augen auf und hielt den Atem an. Mit Macht versuchte sie, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Der Druck seiner Hand auf ihrem Mund wurde stärker. Sie kam nicht gegen ihn an. Der ekelhafte Gestank biss in ihren Augen. Ihr Kopf drohte zu zerplatzen. Sie musste atmen! Mit einem Ruck konnte sie einen ihrer Arme befreien. Ihre langen Fingernägel zogen Striemen in seine Arme. Er fluchte, ließ jedoch nicht locker. Warum nur war sie in seinen Wagen gestiegen? Ihr Vater hatte sie oft genug gewarnt: Traue keinem Fremden! Leandra zappelte, aber der muskulöse Körper des Mannes war stärker. Sie musste jetzt atmen! Einmal. Zweimal. Dann schwanden Leandra Nieder die Sinne.
(by Astrid Plötner)